Marienorgel

 

Bericht von Günther Heilemann

Beim Orgelneubau 1912 durch Fa. Schwarz/Überlingen wurde in die Ansicht der Orgel (Orgelprospekt ) die ca. 2m hohe, nach Entwürfen von Franz Simmler und in der Werkstatt Moroder gefertigte Madonna harmonisch eingefügt. Beim Umbau der Orgel 1958 durch die Fa. Schwarz/Pfaff Überlingen, wurde diese Madonna wiederum in das erweiterte Orgelwerk (Rückpositiv) integriert mit dem Gedanken, dass wir den heiligen-, dreifaltigen Gott nach dem Vorbild Marias allezeit loben und preisen und ihm danken. 
1912
 
1958
 
Das Orgelwerk ist in seiner recht gut erhaltenen Grundsubstanz nahezu 100 Jahre alt. Zunächst wurde es (damals Zeittypisch) in rein pneumatischer Bauweise erstellt. D.h. die Steuerung der Orgel erfolgte zwischen dem Spieltisch (Tasten) und den Pfeifenventilen im Inneren des Orgelwerkes durch Winddruck, der durch mehrere hundert ca. 1 cm dicke Bleiröhrchen bei Tastenbetätigung zu den daran anschließenden Lederbälgchen gelangte. Diese öffneten das entsprechende Pfeifenventil. Dadurch gelangte der eigentliche (Orgel)Spielwind durch ein zweites kompliziertes Windsystem in die entsprechende Pfeife zur Klangbildung. Der Wind wurde früher durch Treten eines Blasebalges und später durch ein elektrisches Gebläse erzeugt. Der Blasebalgtreter wurde "Kalkant" genannt und musste einige Muskelkräfte einsetzen, um vor allem bei großen Orgeln den vom Organisten benötigten Orgelwind zu erzeugen. Das pneumatische System ließ nur eine sehr träge Spielweise der Orgel zu und war sehr störungsanfällig. Aus historischen Gründen sind heute noch wenige solcher pneumatischer Orgelwerke erhalten. (z.B. in Lindau, Muggensturm, Großweier, Nesselried, etc.)

Unsere Marienorgel wurde 1958 umgebaut und erweitert.

 
Das pneumatische Steuerungs-System wurde entfernt und auf elektro-pneumatische Steuerung umgestellt. An den Pfeifenventilen wurden hunderte von kleinen Elektromagneten angebracht, die durch eine Niedervoltanlage (16 Volt) von einem neuen dreimanualigen Spieltisch aus gesteuert werden. Mit diesem System und von diesem Spieltisch aus wird die Orgel bis heute noch mit ihren 3528 unterschiedlich großen Pfeifen gespielt. Leider zeigten sich in den letzten Jahren zunehmend extreme Störungen bis hin zur Unspielbarkeit der Orgel.
 
Der "Wurm der Zeit" nagte primär an der gesamten Orgel. Sie wurde auch sehr oft als Übungsorgel vieler Organisten aus der Umgebung genutzt und nicht immer sach- und fachgerecht bedient. Die Schalter und die Elektromechanik des Spieltisches waren extrem ausgeleiert, wodurch häufige Funktionsstörungen entstanden. Während des Spiels brannten oft verschiedene elektrische Sicherungen durch, die Orgel blieb dann plötzlich stumm. Häufige Kurzschlüsse an den in Holz eingebetteten Kontakten der Spielmechanik verursachten Funkenbildung und dadurch auch Brandgefahr. Die Stromkabel waren teils brüchig und die Sicherungsanlagen entsprachen in keiner weise mehr der geforderten Norm. Es blieben Tonventile hängen und unliebsame Dauertöne und nicht definierbare Geräusche begleiteten das Orgelspiel. Im Orgelwerk zischte es oft wie bei einer Dampflokomotive. Das Klangbild der Orgel (diverse Registerkombinationen) ließ sich nur noch, wenn überhaupt, mit "div. Tricks" gestalten. So wurde von verschiedenen Seiten her der Ruf lauter - "wir brauchen eine neue Orgel". Die Orgel wurde allerdings auch (leider auch von sog. Fachleuten) allzu sehr "schlechtgeredet". In der Dreifaltigkeitsgemeinde hatte die Kirchenmusik über Jahrzehnte weit über die Stadtgrenzen hinaus durch hochkompetente Kirchenmusiker einen sehr hohen Stellenwert. Umso mehr wurde es bedauert, dass hier eine so "desolate Orgel" steht.
 
Eine neue Orgel wäre zwar die optimale Lösung gewesen, bedeutete aber extrem hohe Kosten (eine dem Kirchenraum entsprechend angepasste Größe der Orgel in guter Qualität mindestens ca. 1,0- bis 1,4 Millionen €). Diese Finanzmittel waren zum Zeitpunkt solcher Überlegungen bis heute absolut nicht vorhanden, das ist Realität.
Außerdem hatte die Kirchengemeinde/Seelsorgeeinheit weitere größere und ebenso wichtige Projekte finanziell zu bewältigen. Ein längerfristiger Finanzierungsplan war bei der momentanen allgemeinen wirtschaftlichen Lage unrealistisch und nicht vertretbar, zumal das Erzbischöfliche Ordinariat zum Zeitpunkt unserer Überlegungen (2004/05) die Pfarreien des Bistums öffentlich (auch durch die Presse) zu einem äußersten Sparkurs aufgefordert hatte.
(Als Vision ließe sich ein bescheidener Orgelneubau nur dann evtl. realisieren, wenn regelmäßig zweckgebundene-, großvolumige Spenden etc. eingingen).
Nach bislang fehlenden, konkreten Initiativen entstand die Frage: was machen wir nun mit der desolaten Marienorgel in Hl. Dreifaltigkeit ?
Nach mehreren Jahren auswärtiger beruflicher Tätigkeit, wohne ich wieder in meiner Heimatgemeinde Hl. Dreifaltigkeit und wurde im Dezember 2004 kurz entschlossen von der Pfarrleitung gebeten, mich des Orgelproblems anzunehmen. Andernorts war ich Initiator einiger Orgelneubauten und Orgelrestaurierungen, auch von sehr großen Orgeln. Bereits vor dem Um/Erweiterungsbau 1958 war mir unsere Marienorgel sehr vertraut. So lag mir daran, ein Konzept zu entwickeln, das kein "Flickwerk" und keine "Notlösung" ist und auch unter finanziellen Gesichtspunkten vertretbar sein sollte.
Nach diesem Konzept konnte die noch relativ gut erhaltene Grundsubstanz der Orgel übernommen werden. Durch diverse technische Veränderungen wird die Orgel mindestens für die nächsten 10 - ? Jahre problemlos spielfähig sein, zumal das gesamte Klangbild der Orgel zwar einige Wünsche offen läßt, aber allgemein noch gut gefällt und beurteilt wird (auch von Fachleuten). Unser Pfarrgemeinderat, als auch der Stiftungsrat unserer Pfarrgemeinde und auch der Stiftungsrat der Gesamtkirchengemeinde stimmten meinem vorgelegten Konzept zu. Da wegen der nahezu eingetretenen Unspielbarkeit der Orgel Eile geboten war, wurde kurzfristig die Orgelbaufirma "Martin Vier" aus Friesenheim-Oberweier im Januar 2005 nach diversen fachlichen Abklärungen beauftragt, das vorhandene Konzept der Orgelsanierung in zwei Bauphasen umzusetzen.

1. Bauphase:

Sanierung des Spieltisches
Totale Zerlegung des Spieltisches mit Entfernung sämtlicher ausgeleierter elektromechanischer Teile einschließlich der desolaten Bowdenzüge, Relais und funkenbildenden und oxydationsanfälligen Kontakten.
Am Ostersonntag, 2005 spielte Erzb. Kirchenmusikdirektor Dr.Bernhard Klär im Hauptgottesdienst erstmals auf dem sanierten und umgebauten Spieltisch mit voller Zufriedenheit.
 
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2. Bauphase

Sanierung des Rückpositivs, Orgelteilwerk an der Emporenbrüstung begann am 11. April 2005

Quelle: Seelsorgeeinheit Offenburg St. Ursula

 
An dem 1958 ergänzten Rückpositiv wurden bislang keine größeren bautechnischen Maßnahmen durchgeführt. Altersbedingt sind die Lederbälgchen an den Spielventilen brüchig geworden, deshalb kam es immer wieder zu so genannten "Heulern" (Dauertöne), die das Orgelspiel "nervtötend" begleiteten. Nach Pfingsten 2005 begann der Orgelbauer, alle Pfeifen des Rückpositivs (ca. 600) auszubauen, in der Werkstatt zu reinigen, die Stimmvorrichtungen zu überprüfen und sie wieder auf "Vordermann" zu bringen. Ferner wurden die Windladen geöffnet und deren 578 Lederbälgchen entfernt. Diese wurden in der Werkstatt in sehr aufwendiger Handarbeit abgeschliffen und neu mit Spaltleder überzogen. Ende Mai 2005 begann der sehr diffizile Wiedereinbau durch Verleimung dieser Bälgchen in das Windsystem des Rückpositivs.
 
 
Nach dem Wiedereinbau und der darauffolgenden Neuintonation (Einstimmung) der Pfeifen war gegen Ende Juni 2005 die in Auftrag gegebene Teilsanierung der Marienorgel durch die Orgelbaufirma Martin Vier abgeschlossen. Wir haben durch diese doch relativ preisgünstige Lösung mit Sicherheit wieder eine für lange Zeit funktionsfähige-, wertvolle- und schöne Marienorgel. Möge sie zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes und zur Erbauung der Gläubigen dienen.
Zur Orgelbaufirma Martin Vier Fotos: Günther Heilemann